Die Korona im Maisfeld
Prolog
Irgendwann im Herbst 1998 erzähle ich meiner Frau Birgitt von einer Sonnenfinsternis im August 1999. Ganz uneigennützig schlage ich vor, das SoFi-Spektakel doch mit einem Besuch bei Ihrer Familie in Fürth zu kombinieren – so kommt man günstig an eine zentralpfadnahe Übernachtungsmöglichkeit. Ihr Gegenvorschlag bringt mich jedoch ins Grübeln: Mit Ihrer Schwester hat sie sich bereits überlegt, für zwei Wochen im August die jüngste Nichte Julia bei uns ins private Ferienlager aufzunehmen. Ich grüble noch mehr: Zu den eigenen zwei Kindern noch ein Drittes – und das im heimischen zentralpfadfernen Meerbusch? Und noch ein Vorschlag: "Kann man die Finsternis nicht auch im Elsaß sehen? Dann könnten wir mit Julia und den Jungs doch in Johanns Ferienhaus."
Eigentlich hatte ich mir schon Pläne zurechtgelegt, zusammen mit ein paar Kollegen quasi als SoFi Task-Force im letzten Moment per PKW genau dahin zu fahren, wohin einen der Segen des Internet schicken könnte – und jetzt eine Familienexkursion? Paßt das zusammen?
Um es vorweg zu nehmen – alles paßte vortrefflich. Die SoFi ´99 war eine unglaubliche Erfahrung für uns, die wir so nie erwartet hätten – und das in jeder Hinsicht.
Der Stress
10. August, gegen 20.00 Uhr. Ich sitze in Johanns Ferienhausküche und telefoniere mit Thomas. Er hat zwar noch einen Nachtdienst im Krankenhaus vor sich, will aber nach seiner Ablösung um 4.00 Uhr sofort von Sinzig losfahren, um rechtzeitig in der Kernzone zu sein. "Laß und doch einen Treffpunkt ausmachen." Ich bin skeptisch. Abgesehen von den trüben Wetterberichten frage ich mich, wie man sich sofigerecht an einem unbekannten Standort treffen soll, den man nicht einschätzen kann. Thomas ist hartnäckig, wir einigen uns auf die Ausfahrt Schaffhouse der französischen A35, linksrheinisch nahe der Grenze gelegen. Das Auto wird gepackt, im Kofferraum harren ein Vixen 80S-Achromat sowie ein Vixen ED102SS-Apochromat nebst Stativen, Montierungen und Ferngläsern der Finsternis.
11. August, 6.00 Uhr. Aufstehen ist angesagt, alle Gelegenheits-Astronomen in Johanns Bauernhaus sind nur mit Mühe aus dem Bett zu bekommen. Keiner der Anwesenden ist angesichts des strömenden elsässischen Regens besonders aufgeregt – nur ich verbreite Hektik. Die Anwesenden sind neben meiner Frau Birgitt noch die Söhne Philipp (4) und Johannes (2) sowie Schwägerin Karin, ihr Mann Dirk und Julia (fast 9).
8.30 Uhr. Endlich sind alle im Auto, ich bin etwas unruhig. Eigentlich wollte ich schon mindestens eine Stunde Richtung Straßburg unterwegs sein. Wär´ ich doch bloß noch früher aufgestanden!
8.40 Uhr. Der erste Schock – bereits bei Séléstat ist die sonst gähnend leere A35 mit einer Blechlawine gesegnet! Neben zahlreichen Franzosen sind hier Deutsche, Schweizer, Italiener und Spanier unterwegs. Ich hätte es mir doch denken können! Der einzige, der an diesem Fleck Ruhe und Gelassenheit bewahrt, ist ein einsamer Storch auf einem Laternenmast direkt neben der Autobahn, die PKW- und Busfahrer jedoch machen alle einen gereizt-nervösen Eindruck. Für meine Frau brechen die schlimmsten Stunden unserer Ehe heran.
10.00 Uhr. Die Uhr auf dem Armaturenbrett scheint jetzt schon mit SoFi-Geschwindigkeit zu rasen. Eigentlich wollten wir jetzt schon am Ziel sein, doch wir stehen gerade einmal im Getümmel bei Straßburg. Einziger Trost – jetzt sind wir wenigstens im Totalitätsbereich. Ansonsten empfinde ich die extra zur SoFi aufgestellten Tempolimit-Schilder als glatten Hohn: Tempo 70 wird dort angemahnt, wir fahren nicht einmal 20 km/h. So ganz langsam drehe ich ein bißchen durch...
10.20 Uhr. Ah – Rettung! Während sich die meisten Fahrzeuge weiter Richtung Metz und Nancy quälen, biegen wir wieder auf die A35 Richtung Norden ab. Schlagartig sinkt das Verkehrsaufkommen, jetzt ist Bleifuß angesagt. Kaum zu glauben: Während sich auf der benachbarten, parallel verlaufenden A5 und ihren Parkplätzen das Volk tummelt, herrscht hier gähnende Leere.
10.45 hr. EUndlich ist Ausfahrt Nr. 58 in Sicht. Oben an der Brücke steht tatsächlich Thomas und erwartet uns. Erst jetzt rückt wieder das Wetter in mein Bewußtsein. Überall grauer Himmel, mal mehr, mal weniger dick. "Wohin jetzt?", fragt er. Ein paar hundert Meter nördlich lockt ein kleiner Hügel, aber ich habe keinen Bock mehr auf irgendwelche Fahrerei. Es sind sowieso keinerlei hoffnungsvollen Himmelsregionen auszumachen, also bleiben wir, wo wir sind.
Unser Standort im Maisfeld nahe Wintzenbach/FrankreichDer Mais und der Engel10.50 Uhr. Wir sind jetzt elf. Thomas hat seine Frau Dagmar und Sohn Julius (fast 2) mitgebracht, außerdem Detlef aus Neustadt an der Weinstraße. Die Autos sind direkt neben einem Maisfeld geparkt, jetzt wird hektisch aufgebaut. Der 80/400mm-Achromat thront zur visuellen Fotografie auf einem Fotostativ, der 102mm-f/6,5-Achromat ist zwecks SoFi-Fotografie auf einer Vixen GP-DX-Montierung geparkt. Thomas hat seinen Vixen GP R114M-Newton-Reflektor mitgebracht. Kaum aufgebaut muß alles schon wieder abgedeckt werden – wiederholt belästigen uns mehr oder weniger leichte Schauer.
11.11 Uhr. Erster Kontakt, wir bekommen nichts mit, denn der Himmel ist immer noch dicht.
11.20 Uhr. Dagmar sieht als erste die partiell verfinsterte Sonne. Na, wenigstens kann ich jetzt die Kamera am Apochromaten fokussieren. Zu unserer Gruppe stoßen noch Heiko aus Wetzlar und Bert aus Zürich. Ein paar Meter weiter vertreiben sich vier Engländer die Zeit mit Kricket.
12.00 Uhr. Die Bewölkung lockert auf. Immer wieder kann ich ein paar Aufnahmen der partiellen Phase machen – wenigstens die habe ich im Kasten. Angesichts der unbeständigen Wetterlage verwerfe ich meine Pläne, während der Totalität die Kamera abzunehmen und visuell am Apo weiterzubeobachten. In der Zwischenzeit haben Thomas und Detlef den Camcorder angeworfen.
Die Kinder sehen putzig aus: Sie rennen mit Tiermasken aus Pappe herum, in deren Augenlöcher Birgitt und Karin kleine Folienstücke geklebt haben. Die Dinger haben zwar kein CE-Zeichen, aber funktionieren hervorragend.

Julia und ihre "Sonnenkuh"
Ich springe buchstäblich im Dreieck zwischen dem Apo, dem nachzuführenden Achromaten und Thomas´ Reflektor, um dort Sonne und Fokus zu finden. Das hält warm!
12.15 Uhr. Na klar, die Spannung steigt. Es scheint merklich kühler zu werden. Die Kinder matschen im abgeernteten Teil des Maisfeldes umher, während die Erwachsenen angespannt warten. Ich schalte das Diktiergerät ein, um während der folgenden Minuten die Lautäußerungen der Anwesenden festzuhalten.
12.16 Uhr. Naseputzen bei Philipp – den Ärmsten plagt eine fiebrige Mittelohrentzündung. Ein Propellerflugzeug fliegt hoch über uns hinweg. 
Vater und Sohn im Einsatz - Fotos am Vierzöller
12.17 Uhr. Wieder ziehen dicke Wolken durch, aber Richtung Nordwesten sind blaue Löcher auszumachen. Meinen Hinweis "Das Timing ist gut!" quittiert man mit Gelächter.
12.18 Uhr. Der Kernschatten erreicht Frankreich.
12.19 Uhr. Heiko macht ein größeres Wolkenloch aus, das sehr langsam Richtung Sonne zieht. In der dünnen Bewölkung kann man die Sonnensichel auch ohne Filter beobachten.
12.20 Uhr. Perfektes Catering – Karin bringt mir noch ein Wurstbrot!
12.22 Uhr. Alle werden immer stiller, die Anspannung bei den Erwachsenen steigt. Die Kids mühen sich immer noch im Matsch.
12.24 Uhr. Das Loch sieht immer vielversprechender aus – die Wolken könnten langsam abbremsen!
12.25 Uhr. Uns beeindruckt das immer fahler werdende Dämmerlicht und die extrem scharfen Schatten.
12.27 Uhr. Es scheint zu klappen – die Wolken um die Sonne herum werden immer dünner.
12.31 Uhr. Immer schmaler wird die Sonne. 2. Kontakt – der Himmel um die Sonne ist in diesem Moment perfekt, runter mit den Filtern! Jetzt geht´s los – es gibt jede Menge Ah´s, Oh´s und Super! Rasend schnell ist es dunkler geworden, viel dunkler, als ich erwartet hatte. Der Himmel über uns ist tief dunkelblau, mitten drin wie ausgestanzt die vom Mond bedeckte Sonne. Darum der dünne, gelbliche Koronakranz. Einen aufgehellten Horizont können wir angesichts der dort dickeren Wolken nicht so recht ausmachen. Ich kann ein Bild nach dem anderen Durchziehen, zwischendrin sauge ich immer wieder den Anblick der Korona und der magentafarbenen Protuberanzen durch den Kamerasucher auf.
Birgitt hat den Gurken kauenden Johannes aus dem Kofferraum unseres Kombi gefischt und zeigt im die verfinsterte Sonne – unglaubliches, sprachloses Staunen in seinen Augen.
12.32 Uhr. Venus rutscht ins Wolkenloch, weitere Sterne oder Planeten sind aber leider nicht zu sehen. Uns allen kommt die Welt um uns herum unglaublich still vor. Ein psychologischer Trugschluß, denn auf meinem Tonband sind neben den aufgeregten Stimmen auch das Summen eines Flugzeuges zu vernehmen – ich hätte schwören können, nicht einen einzigen Verbrennungsmotor gehört zu haben!
Nachdem ich mit meiner Belichtungsreihe durch bin, bestaunt Philipp den Anblick im Kamerasucher. Er ist (für ihn höchst ungewöhnlich) in diesem Moment sprachlos. Im 8x23-Fernglas fällt mir das sehr deutlich erkennbare aschgraue Erdlicht auf.
12.33 Uhr. Der Dimmer wird wieder aufgedreht, schnell die Fernrohre und den Camcorder weg von der Sonne. Wir können unser unglaubliches Glück kaum fassen – die gesamte Totalität war beobachtbar, lediglich ein paar dünne Zirren sind durchgezogen. Uns alle packt ein wahnsinniges Glückgefühl, sämtliche Anspannung ist gewichen. Ein sehr diffuser Mondschatten rast nach Osten Richtung Deutschland. Philipp fragt, wann denn die nächste Sonnenfinsternis ist. Johannes will gar nicht aufhören, in die Sonne zu schauen – wir haben Mühe, ihm wieder seine Maske aufzuziehen.
Das Ergebnis von ein paar glücklichen Minuten und vielen Abenden mit Photoshop
12.35 Uhr. "Ist das nicht einen Champagner wert?" Dagmar bringt etwas Edles zu trinken, wir machen uns über unser Picknick-Büffet her. Auf einmal bekommen ich fürchterlichen Hunger.
12.39 Uhr. Wir erhaschen die letzten Blicke auf die immer dicker werdenden Sonnensichel. Das Seeing ist nicht schlecht, man kann sehr gut den welligen, unregelmäßigen Mondrand beobachten.
12.41 Uhr. Birgitt macht ein Foto vom abziehenden Wolkenloch, die Sonne ist inzwischen hinter dicken Wolken verschwunden – es beginnt ein kräftiger Landregen. 
Biggis SoFi-Bild - "unsere" Wolkenlücke
12.42 Uhr. Johannes ißt wieder, Philipp hat sich in seinen Kindersitz verzogen. Zum einen, weil sich wieder Ohrenschmerzen melden, zum anderen, um das Gesehene zu verarbeiten. Ich mache ein kleines Interview mit ihm:
"Was sagst Du zur Sonnenfinsternis? Hat Dir die gefallen?"
"Joa!"
"Was hast Du denn gesehen?"
"Em, den Mond und die Sonne!"
"Und was hast Du an der Sonne gesehen?
"Wie sah die Sonne aus?"
"Mit Mond überdrüber."
"Hast Du Farben gesehen?"
"Joa!"
"Welche denn?"
"Blau-gelb!"
"Hast Du noch etwas anderes gesehen?"
"Ich hab´gesehen, der Mond war aufgegangen, die Sonne war in den Himmel gestiegen, vor die Wolken. Und da bei der Sonnenfinsternis hab´ich einen Engel bei gesehen... – das war´s!"
13.00 Uhr. Wir hören SWR3-Nachrichten und uns wird erst recht klar, welch´ ein Glück wir mit unserem Beobachtungsort hatten.
14.30 Uhr. Wir machen uns wieder auf den Rückweg. Angesichts der gewaltigen Staus, die sich vor uns auftun, benutzen wir nur noch schmale Nebenstraßen für den Rückweg. Auf diese Weise lernen wir wenigstens viele schöne, verschlafene elsässische Weindörfer kennen...
Epilog I
Freitag, der 13. kann auch ein Glückstag sein. Am späten Abend reißen die Wolken am Vogesenhimmel auf und erlauben einen guten Blick auf die Sommermilchstraße. Birgitt, Karin und ich gehen ein paar Schritte ins Tal oberhalb unseres Feriendomizils und haben noch einmal Glück. Innerhalb von 15 Minuten können wir immerhin 6 zum Teil sehr helle Perseiden erhaschen. Die letzten Tage haben eindrucksvoll beweisen, wie spannend Astronomie sein kann!
Epilog II
17. August, 16.40 Uhr, wieder in Düsseldorf. Endlich – ich habe meine entwickelten Negative in den Fingern. Die Ergebnisse machen mich glücklich.
Nachgedanken
Meine erste Nordlichtsichtung im November 1989, die Einschläge vom Kometen Shoemaker-Levy 4 auf Jupiter, die Kometen Hyakutake und Hale-Bopp sind sicherlich absolute Highlights in meinem astronomischen Lebenslauf. Aber nichts von dem wird so viele Eindrücke hinterlassen wie jene Minuten meiner bislang einzigen totalen Sonnenfinsternis. Kein Fotograf der Welt wird es fertig bringen, diesen zarten Schleier der Korona so wiederzugeben, wie man ihn mit dem bloßen Auge oder einem kleinen Fernglas sehen konnte. Atemberaubend auch die kleinen, rötlichen und erstaunlich scharfen Protuberanzen. Eindrucksvoll aber auch, wie die Welt um uns herum plötzlich scheinbar stehen blieb in dem Staunen über jenes unglaubliche Naturschauspiel. So gerne ich zusammen mit anderen Sternfreunden beobachte, ich bin froh, daß ich dieses Mal fast ausschließlich mit Laien den Himmel bewundern durfte – gerade das unbefangene Staunen der Kinder und die Ehrfurcht der Erwachsenen haben die emotionale Komponente eines solchen Spektakels noch verstärkt.
Auf jeden Fall kann ich jetzt auch die SoFi-Fetischisten verstehen, die für ein paar Augenblicke Mondschatten quer durch die Weltgeschichte reisen – ich glaube, daß Zambia 2001 mich schon reizen würde...
Danke schön!
Als erstes muß ich mich natürlich bei Petrus und seinem Vorgesetzten für das Wetterglück bedanken. Danke auch meiner geduldigen Familie. Ein besonderer Dank gebührt Bernd Koch für das Scannen. Und natürlich Daniel Fischer, der so nett war, mein Elaborat "unplugged" in Skyweek abzudrucken!